Autor Thema: 100 Jahre "Berliner Erklärung" führender Pietisten vs Pfingstbewegung  (Gelesen 11255 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Ted

  • Administrator
  • *
  • Beiträge: 435
  • Total likes: 5
  • Dank erhalten: 6
  • Jesus Christus, mein Herr und mein Gott
    • Jesusruf.de
100 Jahre "Berliner Erklärung"

Mit der „Berliner Erklärung", distanzierten sich vor 100 Jahren führende Pietisten von der aufkommenden Pfingstbewegung.

Es liegt schon etwas Gespenstiges in der Luft, als sich die Männer und die junge Frau in einem Zimmer treffen. Es ist Ende August 1909, und in Bad Blankenburg trifft man sich zur alljährlichen Allianz Konferenz. Die Konferenz steht ganz unter dem Eindruck der aufkommenden Pfingst-Bewegung in Deutschland und der Auseinandersetzung mit ihr. In Bad Blankenburg will man nun klären, ob die Pfingst-Bewegung wirklich von Gott oder von Satan gesteuert wurde. Eine wichtige Figur in der aufbrechenden Pfingst-Bewegung in Deutschland ist die 20-jährige Prophetin Dora Lenk. Sie wird als Vermittlerin von "Gottesbotschaften" durch Gemeinden und Konferenzen gereicht. Sie ist auch in Bad Blankenburg anwesend. An jenem Sommerabend beschließen nun Anhänger wie Gegner der Pfingst-Bewegung — derzeit noch friedlich vereint —, den Pfingst-Geist zu prüfen, ob er wirklich von Gott sei. Man begibt sich mit Dora Lenk in das Zimmer des Predigers Eugen Edel, Schriftleiter der Pfingst-Zeitschrift Pfingstgrüße. Anwesend bei der Prüfung sind verschiedene Prediger und bekannte Evangelisten. Die versammelten Brüder beginnen zu beten und bitten Gott aufgrund von 1. Joh. 4,1-3 zu offenbaren, ob der Geist der neuen Bewegung der Heilige Geist ist oder nicht. Der Geist in Dora Lenk soll klar bekennen, ob Jesus der ins Fleisch gekommene Heiland ist. Dora Lenk macht über Jesus große Aussagen, doch um die Beantwortung der eigentlichen Frage windet sie sich. Endlich wird es Johannes Urban — aufgrund seiner Geistestaufe und der "Gabe" der Zungenrede Anhänger der Pfingst-Bewegung — zu bunt und er betet: „Herr, wenn es ein Irrgeist ist, dann lass diesen Geist verstummen, überhaupt nicht mehr reden dürfen." Die Stimme von Dora Lenk verstummt sofort und vollständig. Die versammelten Brüder sind erschüttert. Am nächsten Tag beschimpft der Geist in Dora Lenk die Prüfenden als "Feinde" oder "Füchse", „Wölfe" oder „Schlangen". Aufgrund der Art und Weise der Geistesäußerungen sagt sich Urban noch in Bad Blankenburg von der Pfingst-Bewegung los. Dabei geschieht etwas Merkwürdiges. Urban litt seit seiner Geistes-taufe unter Schwermut, die sofort verfliegt, als er mit dem Pfingst-Geist nichts mehr zu tun haben will. Dieses Ereignis und etliche andere bahnten den Weg zur „Berliner Erklärung" von 1909. Doch wie konnte es dazu kommen, dass der PfingstGeist in der zum Teil blühenden Bewegung der pietistischen ev. Gemeinschaften, zusammengefasst im Gnadauer-Gemein schaftsverband, einbrechen konnte?

Dazu hat jetzt der Diplom-Religionspädagoge und Prediger in der Ev. Stadtmission Neustadt an der Weinstraße, Rainer Wagner, ein hervorragendes Buch vorgelegt, das die geistliche Entwicklung von damals, aber auch bis heute sehr kenntnisreich nachzeichnet. Es heißt "Auf der Suche nach Erweckung" und ist in der „Edition Bibelbund" bei der Christlichen Verlagsgesellschaft in Dillenburg als Taschenbuch erschienen (160 Seiten, Preis 7,90 Euro, Bestelltelefon 02771 / 8302-0).

Der ehemalige Gnadauer Präses Walter Michaelis (1866-1953) beschrieb die Stimmung jener Jahre so: „Innerhalb der Gemeinschafts-Bewegung war zu jener Zeit in vielen Kreisen ein starkes Sehnen nach großen Erweckungen, nach vertieftem Heiligungsleben, nach Geistestaufe ..." Dies drückte sich auch in der Lehre vom „reinen Herzen" aus, die vom späteren Führer der deutschen Pfingst-Bewegung, Pastor Jonathan Paul (1853-1931), landauf, landab verkündigt wurde. Paul schrieb 1904: „Die Erlösung muss so völlig sein, dass man vor Gott wieder da steht wie der erste Adam vor dem Fall." Wie Wagner ausführt, gab es dazu noch eine wenig bekannte „stille Heiligungsbewegung" in den Gemeinschafts-Kreisen, die kirchengeschichtlich selten erwähnt wird. Die ersten Boten der Pfingst-Bewegung, die aus den USA kommend über Norwegen in Deutschland eintrafen, fanden somit einen vorbereiteten geistlichen Boden vor. Viele Gläubige wollten sich in neue geistliche Höhen schwingen und waren deshalb bereit, sich einem besonderen Wirken des Heiligen Geistes auszusetzen.

Doch was dann geschah, schockierte zunächst einmal die Öffentlichkeit.

Am 7. Juli 1907 begann im Saal des Kasseler Blaukreuz-Hauses eine Veranstaltungsreihe mit den zwei norwegischen Prophetinnen, die den Pfingstgeist zuvor nach Hamburg gebracht hatten — der ersten Station auf deutschem Boden. Anfangs nahm die Versammlung einen ruhigen Verlauf, doch dann geriet sie außer Kontrolle. Es kam zu tumultartigen Szenen: Gesänge, Sündenbekenntnisse, Bußreden mengten sich mit un-artikuliertem Stammeln, Schreien, Stöhnen, Seufzen, Weinen, lautem Händeklatschen und Wiehern. Man sah krampfhaft verzerrte wilde Mienen, die Gebärden Rasender, ferner Menschen, die halb ohnmächtig zu Boden sanken oder rücklings zu Boden geworfen wurden, die wild um sich schlugen, halb bewusstlos. Bald wurde die Veranstaltung zum Ärgernis in der Stadt, und die Polizei griff ein. Doch nicht nur in Kassel ereigneten sich solche Vorfälle. Überall dort, wo der Pfingst-Geist einzog, kam es zu ähnlichem Getümmel wie in Kassel.

Schon bald gab es erste kritische Wortmeldungen auch aus der Gemeinschafts-Bewegung und den Kreisen der Freien ev. Gemeinden. Selbst der Organisator der Veranstaltung in Kassel, der von Pfingstlern in Hamburg geistgetaufte Evangelist Heinrich Dallmayer, sagte sich schon im Oktober 1906 wieder von der PfingstBewegung los. Er erklärte: „Durch die Barmherzigkeit Gottes bin ich nach mehrwöchigen inneren Kämpfen zu der Erkenntnis gekommen, dass der treibende Geist in der Los-Angeles-Bewegung [die Pfingst-Bewegung startete 1906 in Los Angeles] nicht der Geist Gottes, sondern ein Lügengeist ist." Auch einer der führenden Pfingstler der ersten Stunde, ein weiterer Schriftleiter der „Pfingstgrüße" Pastor Regehly, schrieb: „Was wir als Geistesgaben begrüßten, ist zu 99 Prozent nichts anderes als eine natürliche Äußerung rein menschlichen Seelenlebens und darum allen menschlichen Irrtümern ausgesetzt, meistens sogar krankhaft und krankmachend ... Ich kann nicht mehr verhehlen, wir sind auf einen Holzweg geraten, von dem wir alle so schnell wie möglich herunter müssen, wenn wir nicht noch mehr Schaden nehmen wollen."

Obwohl die Führer der Gemeinschafts-Bewegung schnell feststellten, dass die Pfingst-Bewegung viele Gemeinschaften spaltete und ihnen schadete, entschieden sie etwas, was sich im Nachhinein als verhängnisvoller Fehler herausstellte. Um die Einheit in der Gemeinschafts-Bewegung zu sichern, vereinbarten nüchterne Gemeinschafts-Vertreter und pfingstlerisch Veränderte, sich nicht gegenseitig zu kritisieren. Die Folge: Die Pfingst-Bewegung konnte sich ungestört ausbreiten und sich organisatorisch festigen.

Doch dann schritt der General a. D. und Evangelist Georg von Viebahn ein. Er konnte nicht mehr mit ansehen, wie viele Gemeinschaftler in diese „unheilvolle Bewegung" hineingezogen wurden. Es kam zu einer Konferenz in Berlin. Nach neunzehnstündigen Beratungen unterzeichneten 56 Teilnehmer am 15. September 1909 die „Berliner Erklärung". Die Hauptaussage der Berliner Erklärung lautet so: „Die sogenannte Pfingst-Bewegung ist nicht von oben [also von Gott], sondern von unten [also von Satan]; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein."

Wer sich die tumultartigen Szenen von 1909 vor Augen führt und die Geschehnisse von heute in charismatischen und pfingstkirchlichen Kreisen betrachtet, wird kaum wesentliche Unterschiede feststellen können. Heute wird in evangelikalen Kreisen gerne die Sicht gepflegt, dass die „Berliner Erklärung" rein historisch zu betrachten sei und heute keine Geltung mehr haben könne. Wagner schreibt dazu: „Aber es ist heute so offensichtlich wie vor 100 Jahren, dass in dieser Bewegung [der pfingstcharismatischen] ,Menschliches und Dämonisches\' mitwirken. Sich einer solchen Bewegung auszusetzen oder mit ihr zusammenzuarbeiten, ist eine Gefahr für die Gemeinde. In der ,Berliner Erklärung\' wurde dieser Gefahr mutig und biblisch klar begegnet. Wir tun gut daran, die Worte der ,Berliner Erklärung\' auch im Blick auf die schwarmgeistige Bewegung unserer Zeit ernst zu nehmen. Vorsicht vor dem Geist, der sich 1909 als Lügengeist entpuppt hat! Er wirkt auch heute noch geistlich zerstörerisch."

topic

Quelle: http://de.dwg-radio.net/
Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben, es kommt niemand zum Vater ausser durch IHN (siehe Johannesevangelium 14,6)

Offline Maarion2

Re: 100 Jahre "Berliner Erklärung" führender Pietisten vs Pfingstbewegung
« Antwort #1 am: 06.05.2010, 08:53:17 (CEST) »
Hallo, ich habe gerade den Artikel über die Pfingstgemeinde gelesen. Auch ich gehe in so eine Gemeinde. Das verunsichert mich nun stark.
Diese Tumulte kommen da allerdings nicht vor.
Wo soll man noch hingehen?
Die Landeskirche ist geistig tot. Ich habe mich neulich in der Kneipe mit Jemandem unterhalten, der im Kirchenvorstand ist. Er glaubt nicht an die Bibel als Gottes Wort, nicht an die Schöpfungsgeschichte. Was soll ich in so einer Gemeinde ?
Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, das es die perfekte Gemeinde nicht gibt. Es ist überall etwas, wir sind alle unvollkommen.
Deswegen nützen solche Beiträge mit Vorkommnissen vor 100 Jahren nichts.
Sie verunsichern nur. LG  Maarion2

Offline Ted

  • Administrator
  • *
  • Beiträge: 435
  • Total likes: 5
  • Dank erhalten: 6
  • Jesus Christus, mein Herr und mein Gott
    • Jesusruf.de
Re: 100 Jahre "Berliner Erklärung" führender Pietisten vs Pfingstbewegung
« Antwort #2 am: 06.05.2010, 23:37:03 (CEST) »
Hallo Maarion,

verunsichert sein ist manchmal gar nicht so schlecht, wenn es darum geht, bislang ungeprüfte Sachverhalte zu überdenken. Prüfet alles...

Vorweg: ich kenne eine Pfingsgemeinde, der man zunächst nicht anmerkt, dass sie eine solche ist. Ich rede auch nicht von oder über Menschen, sondern betrachte die eine Denomination prägenden Lehren.

Auf diese Weise ist auch der oben stehende Beitrag zu sehen. In diesem wird auf einen Sachverhalt eingegangen, der für das, was in dieser Denomination (sowie auch für die weiteren Auswüchse in charismatischen Bewegungen) kennzeichnend ist.

Das Thema Pfingstgemeinden/Charismatiker ist ein sehr weites Feld. Ich möchte erstmal nur auf zwei hierzu aufschlussreiche Bücher verweisen:

- Die okkulte Invasion - Die unterschwellige Verführung von Welt und Christenheit (Dave Hunt)]

 - Die Charismatische Bewegung im Licht der Bibel (Rudolf Ebertshäuser)

Schliesslich möchte ich auch auf einige sehr interessante Artikel auf http://www.Hauszellengemeinde.de hinweisen. Desweiteren finden sich im dort angeschlossenen Forum lesenswerte Beiträge zu diesem Thema...

Es gilt ja, Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. (1. Joh 4, 1), daher Prüft aber alles, und das Gute behaltet. (1.Thes 5,21)

Viele Grüsse
Ted
Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben, es kommt niemand zum Vater ausser durch IHN (siehe Johannesevangelium 14,6)

Offline Maarion2

Re: 100 Jahre "Berliner Erklärung" führender Pietisten vs Pfingstbewegung
« Antwort #3 am: 07.05.2010, 10:06:37 (CEST) »
Hallo,ich habe gerade in deinem Link gelesen, aus der Hauszellengemeinde über die versteckte Darstellung dämonischer Abbildungen in den Zeitschriften der Z.J.s.
Ih habe wirklich Glück gehabt, das ich da herausgekommen bin. Das ist jetzt schon über 30 Jahre her.Man sollte sich doch informieren, da hast du schon recht.
Ich werde das Ganze noch mal überdenken, Gruß  Marion

Bibelfundi

  • Gast
Re: 100 Jahre "Berliner Erklärung" führender Pietisten vs Pfingstbewegung
« Antwort #4 am: 01.05.2015, 20:07:14 (CEST) »
Liebe Leser,
ich möchte das Gleichgewicht halten durch nachstehenden Artikel mit Erlaubnis des Autors:




Einen Auszug aus dem Buch: Enthusiastisches Christentum, von Walter J. Hollenweger. Seite 209-212



3. Ein nervenkrankes Mädchen
narrt die deutschen Gemeinschaftsführer

Die «Berliner Erklärung», die heute noch vom «Gnadauer Gemeinschaftsverband» als vollgültig in
Kraft bestehend betrachtet wird, behauptet, in der Pfingstbewegung sei ein Geist von unten am Werk.
Fragt man nach den Gründen eines derartig schwerwiegenden Urteils, so wird man auf menschliches
Versagen innerhalb der Pfingstbewegung, auf dogmatische Unrichtigkeiten, auf Hochmut, Stolz,
Pharisäertum, Verwechslung von kitschigen Reimeschneidereien mit der Inspiration des Heiligen Geistes
und den ganzen Katalog von Lastern hingewiesen, den die Bestreiter des Christentums: seit jeher der
ganzen christlichen Kirche, ja schon dem Urchristentum und zum Teil mit Recht (1 Kor.!) vorgeworfen
haben. Es blieb aber dem «Gnadauer Verband» vorbehalten, auf Grund dieser im einzelnen nicht leicht zu
nehmenden Schwächen der Pfingstbewegung das Prädikat «satanisch» anzuhängen, ein Urteil, das sie
konsequenterweise auch auf die Gemeinde in Korinth anwenden müsste.
Eine wichtige Rolle bei der Bestätigung des Urteils, die Pfingstbewegung sei satanischen Ursprungs,
spielten die Aussagen eines nervenkranken Mädchens, die 1911 von Johannes Seitz und Ernst F. Ströter,
aber ohne Namensangaben des betreffenden Mädchens als «Selbstentlarvung von Pfingst-Geistern'»
veröffentlicht und 1962 von einem Prediger Richard Ising neu herausgegeben wurden.

Die «Selbstentlarvung» will ein Protokoll der Aussprüche des erwähnten Mädchens sein, aus dem ein
Dämon gesprochen habe, den es angeblich in Pfingstversammlungen empfangen habe. Der Dämon
«entlarvt» in dramatisch aufgezogenen, aber ungeheuer naiven Gesprächen seine Absicht, die christliche
Gemeinde durch die pfingstliche Irrlehre zu verwirren. «Nun wird die Schande, der Pfingstschwindel,
offenbar und ich kann es nicht hindern» 60, wimmerte der Dämon, denn vor der konzentrierten
Gebetsmacht von Seitz und seinen Helfern musste er sein Geheimnis preisgeben. Nachdem schon
Jonathan Paul 61 auf schwerwiegende zeitliche Irrtümer des angeblichen Pfingstdämons hingewiesen hatte
- was seine Aussagen als diejenigen eines mit übernatürlichem Wissen begabten Dämons disqualifizierte
und ins Reich der kranken Phantasie des Mädchens verwies -, hielt es der Nervenarzt Alfred Lechler für
nötig, die immer wieder auftauchenden falschen Behauptungen im Zusammenhang mit der «Selbstentlar-
vung» vom Standpunkt des Psychiaters zu widerlegen.62
Einleitend stellte er fest: Die Gemeinschaftsbewegung stützte sich in ihrem Urteil auf Seitz. Seitz hat
aber anerkannterweise viele Geisteskrankheiten als Besessenheit fehldiagnostiziert.63
«Dem ärztlichen Seelsorger ist es unmöglich, die innerhalb der Pfingstbewegung zutage getretenen
Erscheinungen samt und sonders als dämonisch zu bezeichnen. »64 Zur «Selbstentlarvung» meint er: Das
Mädchen steigerte sich in die Rolle einer Besessenen hinein und glaubte durch ihre Offenbarungen den
Gemeinschaftsführern einen Dienst zu erweisen.65 Gedankengänge, die es von Seitz in den Bibelstunden
gehört hatte, tauchten in den exorzistischen Übungen als Aussprüche des Pfingstdämons auf. Das war
schon Essler aufgefallen.66

60 J. SEITZ und E. F. STRÖTER, Selbstentlarvung. Nach Haarbeck, dem Vorsitzenden des Gnadauer
Verbandes, erregte allerdings diese Schrift «mehr Kopfschütteln als Zustimmung». «Ich habe durch
energisches Zufahren erreicht, daß die Schrift, die er (Seitz) als Manuskript hat drucken lassen, nicht in
die Öffentlichkeit gekommen ist. Wäre das der Fall gewesen, dann hätte ich dagegen auftreten müssen.»
(Brief TH.HAARBECK an E. Edel, 21. 11. 1911; Zit. E. EDEL, Kampf, 37). Haarbeck konnte nicht
wissen, dass die Schrift fünfzig Jahre später wieder aufgelegt würde.
61 J. PAUL, Zur Dämonenfrage.
62 A. LECHLER, Die Pfingstbewegung in psychiatrischer Sicht (masch.). Kurzfassung davon: A.
LECHLER, Zum Kampf. Ich zitiere aus dem umfangreicheren und medizinisch ausführlicheren
maschinenschriftlichen Exemplar.
63 A. LECHLER, aa0., 45 - FLEISCHII/2,231.
64 A. LECHLER, aa0., 46.
65 A. LECHLER, aa0., 50.




66 A. LECHLER, aa0., 51.


" Bemerkenswert ist ferner, dass sich die Prophetie des «Pfingstdämons» nicht erfüllte, die Austreibung
des Dämons bedeute das Ende der Zungenbewegung.

«Es kann daher nach dem Angeführten keinem Zweifel unterliegen, dass dieser von Seitz und den
Pfingstgegnern häufig angeführte Fall mit wirklicher Besessenheit oder mit dämonisch bedingtem
Spiritismus nichts zu tun hatte. Hier haben sich Seitz und mit ihm die Führer der Gemeinschaftsbewegung
vollkommen von den Aussagen eines hysterischen Mädchens beeinflussen lassen, was umso auffallender
ist, als in der Berliner Erklärung' ausdrücklich bemängelt wurde, dass in der Pfingstbewegung Männer
und deren ganze Arbeit in sklavische Abhängigkeit von den Botschaften' von Frauen und jungen
Mädchen gebracht wurden.»67
«Einem ähnlichen Irrtum wie Seitz erlag M. Michaelis , der einen Stadtmissionar als Schwarmgeist
bezeichnete, weil er ein hysterisches Mädchen für geistbegabt hielt. Krawielitzki schrieb an einen Bruder:
Ich glaube nicht an dämonische Besessenheit bei den Pfingstgeschwistern und bezweifle ebenso sehr,
dass jene arme Geisteskranke (gemeint ist der von Seitz beschriebene Fall) wirklich besessen ist. Ich bin
eben tief überzeugt durch meine Erfahrungen und Nachprüfung, dass sowohl die Weissagungen der
Pfingstgeschwister, wie jene angeblich dämonischen Auslassungen, welche von den Pfingstgegnern
ausgebeutet werden, einen und denselben Ursprung haben, nämlich den eigenen, seelischen Sinn, durch
den man sich selbst betrügt und die Gedankengespinste im seelischen Unterbewusstsein für göttliche
Weissagungen oder für dämonische Besessenheit ansieht.»68
«Es wäre meines Erachtens nicht zu verstehen, wenn die heutigen Gemeinschaftsführer den einstigen
Standpunkt beibehalten würden, obwohl eine unvoreingenommene ärztlich-seelsorgerliche Beurteilung
der Vorgänge vor 50 Jahren und eine objektive Untersuchung der heutigen Lage zu einem wesentlich
anderen Ergebnis führen, als es im Jahre 1909 niedergelegt worden war. Deshalb bedarf die Berliner
Erklärung nunmehr dringend einer ernsten und sachlichen Überprüfung und Korrektur. Sie kann nicht
mehr länger aufrecht erhalten werden, da sie auf zahlreichen falschen Annahmen hinsichtlich der
Dämonie fußt.»69


67 A. LECHLER, aa0., 52.
68 A. LECHLER, aa0., 53.
69 A. LECHLER, aa0., 63.

213